Jimmy Somervilles neues Album „Homage“ ist ein funkelndes Disco-Meisterwerk, in dem er die Zeit vor der Aidskrise aufl eben lässt. M+ sprach mit dem 54-Jährigen über seinen verstorbenen besten Freund Mark Ashton, der als Hauptfigur in „Pride“ zu späten Ehren kam und über britische Aidspolitik.

Wir schreiben das Jahr 2015 und du hast mit „Homage“ gerade eine Disco-Platte aufgenommen, die auf eine gute Art klingt, als hätte man sie auch 1978 machen können. Warum?
Gute Frage! Es war so: Eigentlich arbeitete ich letztes Jahr, wie schon so oft, an einer kleinen, elektronischen EP mit ein paar Songs, die ich nur als Download anbieten wollte. Ganz entspannt,
nichts Großes. Und plötzlich, nachdem ich mal wieder in meiner Plattensammlung gestöbert hatte,
dachte ich: „Warum nicht mal wieder Disco?“ Mein Co-Produzent fand die Idee genauso aufregend wie ich und sobald wir anfingen, die Songs, die wir hatten, anders zu arrangieren, war es, als wären sie genau für diesen Stil geschrieben worden. Es war wie eine Offenbarung.

Warum, glaubst du, war das so?
Ich höre diese Musik, Funk, Soul und eben Disco, seit ich 13 war. Sie war und ist immer wichtig für mich gewesen und hat meinen eigenen Geschmack tief geprägt. Zu dem, was ich mache, muss man immer tanzen können. Und oft hatte es eine politische Botschaft. Genau das ist Disco. Also haben wir beschlossen, dass es Zeit war eine „Homage“ an das Genre aufzunehmen. Hinzu kommt: Ich bin im Juni
54 Jahre alt geworden und gehöre der ersten Generation an, die auf die Musik ihres Lebens als endlos langes Mixtape zurückblicken kann. Meines wäre 35 Jahre lang. Man könnte alle diese Songs nehmen und mein Leben damit beschreiben. „Homage“ gibt es auch, weil die wichtigsten Songs, die, die mich ausmachen, fast alle Disco sind.

Die „Politics of Disco“ sind also nach wie vor sehr wichtig für dich?
Oh ja. Disco hat meins und das Leben vieler, vieler anderer schwuler Männer sehr verändert. Die späten 70er und frühen 80er waren eine andere Zeit. Es war viel schwieriger als offen schwuler Teenager als es das heute für viele ist. Außer in Clubs, wo du einfach sein konntest wie du warst und zu Liedern tanzen konntest, die keine andere Message hatten als dich darin zu bestärken du selbst zu sein, gab es so gut wie kein offen schwules Alltagsleben. Frühe Discoalben sind wie ein Wegweiser durch die damalige Schwulenbewegung. Es gibt eine relativ unbekannte EP der Village People, deren Songs nur in San Francisco, Greenwich Village und auf Fire Island spielen. Egal, ob sie wussten, was sie da taten, ich habe das damals als Straßenkarte für meine Reise in eine schwule Welt benutzt. Disco hat dafür gesorgt, dass
eine schwule Undergroundkultur, in der Farbige genauso ihren Platz hatten wie starke Frauen, in den Mainstream einsickerte. Das hat sehr zu schwuler Sichtbarkeit beigetragen.

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Sichtbarer schwuler als du es ab 1984 erst mit Bronski Beat und dann mit den Communards warst, konnte man kaum sein.
Das stimmt. Ich war mit „I am What I am“ groß geworden und hatte begriffen, dass meine Sexualität ein zu großer Teil von mir war, als dass ich sie als Songwriter hätte ausblenden können. Ich wollte meine hart erarbeitete Freiheit nicht wieder aufgeben. Die Botschaft von Disco ist: „Ich liebe wen ich will, und
darüber entscheidet niemand außer ich selbst.“ Das ist ein sehr kraftvolles Statement, hat man es einmal verinnerlicht.

Bronski Beat war außerordentlich erfolgreich mit einer eigenen Version dieser Botschaft. „Smalltown Boy“ war ein weltweiter Hit, der im Grunde nichts anderes ist als eine Hymne
schwuler Selbstbehauptung.
Das ist er geworden, weil wir ehrlich waren. Deswegen mochten die Leute den Song. Ich werde es
nie vergessen: Als „Smalltown Boy“ die Charts stürmte, waren wir mal unterwegs zu einem Gig und ein fremder Mann hielt uns auf der Straße an. Er sagte zu mir „Ich hasse alles, was du bist und wofür du stehst, aber ich bewundere dich für deine Ehrlichkeit.“

Hat sich diese Ehrlichkeit tradiert? Jemand wie Sam Smith, der nie ein Geheimnis aus seiner Sexualität gemacht hat, verkauft heutzutage Millionen von Alben und gewinnt vier Grammys. Macht dich das froh?
Natürlich. Aber: Als ich Erfolg hatte, war ich nie „der großartige Sänger, der zufällig schwul ist“. Ich war immer „der schwule Popstar“. Das hat sich für die Generation von Sam Smith geändert. Das ist Fortschritt. Es führt allerdings auch dazu, dass er nie „er“ oder „ihn“ sagt, wenn er ein Liebeslied singt, sondern alle seine Songs geschlechtsneutral funktionieren. Ich glaube ja, er würde das gern anders machen (lacht). Am Ziel sind wir erst angelangt, wenn ein Sänger „Ich liebe ihn“ singen kann und
das Lied trotzdem ein riesengroßer Hit in Europa und Amerika wird.

Glaubst du, dass die Aidskrise den Fortschritt, den Disco nach außen getragen hat, verlangsamt hat?
Ganz sicher. Aids wurde in Großbritannien und den USA als politisches Instrument benutzt, um auf breiter Front gegen die Community vorzugehen. Die Angst vor einem Virus, den in den ersten Jahren niemand verstand, wurde politisch auf die widerlichste Art in Angst vor der Community umgemünzt. Das hat viel kaputt gemacht.

Dein bester Freund Mark Ashton, der 1987 an den Folgen von AIDS gestorben ist, war letztes Jahr der Held von „Pride“, einem der erfolgreichsten LGBT-Filme der letzten Jahre. Was war deine erste Reaktion, als du gehört hast, dass dieser Film gedreht wird?
Ich war sehr, sehr glücklich. Marks Geschichte und die Geschichte darüber, wie Schwule und Lesben auf seine Initiative hin den Bergarbeiterstreik unterstützten, ist ein sehr wichtiger Teil der europäischen, queeren Geschichte. Schon weil sie mit dem Stereotyp aufräumt, Schwule wären zu dieser Zeit alle
nur hedonistische Tanzmäuse gewesen, die sich nur um Sex kümmerten. „Pride“ zeigt, dass wir damals noch ganz andere Sachen gemacht haben und die politische Idee eine größere war. Mark und die anderen Mitglieder von „Lesbians and Gays Support the Miners“ verstanden, wie es sich anfühlte, von der eigenen Regierung gehasst und entrechtet zu werden. Sie wollten aus dieser Position heraus Leuten helfen, denen es genauso ging. Und aus diesem Mitgefühl entsprang auf beiden Seiten eine große politische Kraft.

Der Film gefällt dir also.
Kann ich dir nicht sagen, ich habe ihn immer noch nicht gesehen.

Warum nicht?
Ich habe von Marks Tod erfahren, vier Minuten bevor wir in einer italienischen Fernsehshow auf die Bühne mussten. Ich hatte ihn erst zwei Wochen zuvor zum letzten Mal gesprochen und es war ein
totaler Schock. Wie so viele andere auch habe ich aus dieser Zeit ein paar emotionale Narben, die man besser nicht anrührt. Deswegen habe ich mich nicht ins Kino getraut, weil ich wusste, dass ich einfach losheulen würde. Und jetzt liegt der Film bei mir zu Hause und ich werde ihn sicher irgendwann sehen, wenn ich soweit bin.

Dein Hit „For a friend“ und auch das zweite Communards-Album „Red“, sind Mark gewidmet. Du hast dich also schon früh mit seinem Tod auseinandergesetzt …
Ja, das war damals wichtig. Ich habe Mark kennengelernt, als ich 19 war. Wir waren einfach zwei Jungs, die London unsicher machten und Spaß hatten. Dass er so früh sterben würde, war nicht geplant.

Fehlt er dir heute noch?
Ja, natürlich. (Seufzt) Entschuldige, ich muss mir kurz die Nase putzen. Darüber zu reden, macht mich immer noch fertig. Ich war in der Zeit, als Mark starb, viel in New York und San Francisco unterwegs.
Leute verschwanden einfach. Du trafst sie ein paarmal, verliebtest dich ein bisschen und hörtest dann von heute auf morgen nie wieder von ihnen, nur um ein paar Wochen später zu erfahren, dass sie längst tot waren. Ich habe in der Zeit emotional zugemacht, sonst hätte ich das alles nicht ausgehalten und wäre an der Situation zugrundegegangen, glaube ich. Als Mark starb, ist irgendwas in mir kaputtgegangen, von dem ich nicht weiß, ob es inzwischen wieder heil ist. Deswegen weiß ich nicht, ob ich den Film ertragen kann.

Ist „Homage“ auch dazu gedacht, die Freude und das Gemeinschaftsgefühl der Zeit vor Aids wieder auferstehen zu lassen?
Vielleicht. Ich finde es jedenfalls sehr wichtig, dass wir uns um unsere Geschichte kümmern und nie vergessen, wo wir herkommen, wie schön und wie traurig vieles davon war. Nach dem der Bergarbeiterstreik zu Ende war, ist die Geschichte von „Lesbians and Gays Support the Miners“ und damit auch Marks Beitrag daran, vergessen worden, weil sich die Mainstreammedien nicht dafür interessiert haben. Wir haben als Community eine Verantwortung dafür, unsere Geschichte zu bewahren, gerade weil es so viele Kräfte gibt, die sie gern vergessen machen möchten.

Sehr persönliche Frage, die aber deine persönliche Geschichte betrifft: Dein Bandkollege Richard Coles hat dir 1987 gesagt, er sei positiv und einige Jahre später zugegeben, dass das eine Lüge war. Du hast daraufhin zwei Jahrzehnte nicht mit ihm gesprochen. Hast du ihm inzwischen vergeben?
Das ist etwas, mit dem ich vor langer Zeit abgeschlossen habe. Ich hatte in dieser Zeit meine eigenen Probleme, war meine ganz eigene Art von Monster. Wofür Richard inzwischen mir vergeben hat.
Wir sind uns vor ein paar Tagen bei der BBC, wo er jetzt arbeitet, zufällig über den Weg gelaufen. Es war unser erstes Treffen in zwanzig Jahren. Und ich habe mich gefreut ihn zu sehen. Es war, als hätten wir gestern zum letzten Mal miteinander gesprochen. Wir gehen jetzt sicher mal zusammen essen. Richard und ich haben als junge, schwule Männer viel zusammen erreicht, weil wir mutig und offen waren. Es ist wichtig, dass wir darauf stolz sind und das nicht vergessen, egal, was zwischendurch passiert ist.

Wieviel von deiner heutigen Sicht die Welt zu sehen, Musik zu machen und mit alten Freunden umzugehen, ist dem Fakt geschuldet, dass du seit zwei Jahren nicht mehr trinkst und keine Drogen mehr nimmst, was du lange und regelmäßig getan hast?
Sehr viel. Ich stand vor ein paar Jahren vor der Wahl, weiter chemische Substanzen zu nehmen oder zu leben. Und ich habe mich fürs Leben entschieden. Jetzt führe ich meinem Körper nichts mehr zu, was meine Realität verändert, meine Gedanken negativ beeinflusst oder mich zu einem Egomanen werden
lässt, weil ich nur noch in der Lage bin, über mich selbst nachzudenken. Das hat dazu geführt, dass „Homage“ das erste Album meine Karriere ist, das ich von Song Eins bis Song Zwölf anhören kann und dabei denke: „Das ist gut so. Und es ist so geworden, wie ich wollte.“ Das ist ein sehr, sehr schönes Gefühl.

Interview: Paul Schulz, Fotos: Membran Records

Info: Homage (Membran Records), jimmysomerville.co.uk