In der Deutschen AIDS-Hilfe (DAH) soll in Zukunft wieder verstärkt die Mitgestaltung von Betroffenen berücksichtigt werden. Stephan spricht für das Gremium „Positive Gesichter“.

Warum ist ein DA H -Vereinsorgan zur Sicherung des Mitspracherechts von HIV-Positiven gerade jetzt nötig?
Ganz konkret wurden vor drei Jahren die bundesweiten Netzwerke abgeschafft und die Themenwerkstätten eingeführt. Letztere haben sich durchaus als gute Möglichkeit entpuppt sich einzubringen. Allerdings sind sie nicht verbindlich und damit kein Garant für eine Beteiligung von Menschen mit HIV an der Arbeit der DAH.

Liegt das auch an den Positiven? Sind sie zu passiv in punkto Mitgestaltung?
Jein. Natürlich kann man sich immer mehr politisches Engagement und politische Interessensvertretung wünschen, aber ich weiß auch, dass das nicht jedermanns Ding ist. Ich will da auch keinen Druck aufbauen. Es ist gut, wenn sich Leute beteiligen, nach ihren Möglichkeiten und in einer Form, in der es ihnen Spaß macht. Wer nur einmal im Jahr beim CSD mitgeht, ist genauso willkommen wie jemand, der viermal täglich Lobbygespräche führt. Jeder wie er kann. Andererseits sehe ich schon, dass es Leute gibt, die ein bisschen zu sehr in einer Konsumhaltung verharren, die uns auf Dauer lähmt. Wenn es darum geht, eigene Interessen nach vorne zu bringen, muss man auch die Eier in der Hose haben, das Gesicht herzuzeigen und dafür einzustehen.

Ist diese Haltung ein generelles Problem oder ein heutiges Phänomen?
Ich würde sagen, es ist dem Lauf der Zeit geschuldet. Die Drama-Ära ist mit der Einführung der antiretroviralen Therapie vorbeigegangen, seitdem hat eine Professionalisierung der Aidshilfen stattgefunden. Man muss ja schon sagen, dass es im Bereich HIV und Aids eine große Lobby und eine
ziemlich gute finanzielle Ausstattung gibt. Daraus ergeben sich zwangsläufig große Strukturen. Die sind auch nötig. Trotzdem muss gewährleistet sein, dass nicht nur Hauptamtler, Funktionäre und Vorstände die Entscheidungen treffen, sondern auch das Straßen-HIVchen zu Wort kommt.

Muss man daraus schließen, dass die Geschicke der HIV-Bewegung zu sehr von Negativen gesteuert werden?
Darum geht es an der Stelle gar nicht. Leute machen ja keine schlechtere Arbeit, nur weil sie nicht positiv sind. Uns ist einfach wichtig, dass Selbstvertretung gesichert ist und nicht immer erst verhandelt werden muss. Wenn man sich als Selbsthilfeorganisation versteht, dann muss auch Selbsthilfe möglich
sein. Mehr noch. Sie muss gefördert werden. Das ist, etwas, das wir von allen Aidshilfen – sowohl örtlich als auch auf Landes- und Bundesebene – verlangen.

Wer sind „wir“?
Es wurde ein sogenanntes „Besonderes Organ“ gegründet, das sich zum Ziel setzt, eine verbindliche Beteiligung von Menschen mit HIV an der verbandlichen Arbeit der DAH sicherzustellen. Die Gruppe nennt sich „Positive Gesichter“ und besteht aus zwölf Leuten. Diese zwölf Leute sind alle positiv, wurden
2014 auf der Selbsthilfekonferenz „Positive Begegnungen“ gewählt und später in der Mitgliederversammlung der DAH bestätigt. Es werden unterschiedliche Zielgruppen abgedeckt und es gibt eine Quotierung, die rege diskutiert wurde. Ein Mensch kommt aus dem Drogengebraucherbereich, es gibt eine Frauenquote und eine Quote für Menschen mit Migrationshintergrund.

Was ist mit Schwulen?
Das ist natürlich auch ein Punkt. Ich vergesse ihn nur immer, weil es in der momentanen Aufstellung sowieso ein sehr schwul besetztes Gremium ist.

Was sind die ersten Amtshandlungen der „Positiven Gesichter“?
Nachdem wir eine konstituierende Sitzung hatten und Leitsätze erarbeitet haben, geht es zunächst darum, die Mitglieder des Gremiums bekannter zu machen. Mitte August haben wir unser zweites Treffen. Dort wird der öffentliche Auftritt ein Thema sein, eine mögliche Website, ein Facebookgruppenprofil, all diese Sachen. Die zwölf Leute müssen ja erst mal als Ansprechpartner für ihre jeweiligen Themenbereiche wahrgenommen werden. Gleichzeitig wird es darum gehen, die Lust auf Engagement zu wecken. Wer sich einbringen will, soll bei uns die Unterstützung und Förderung erfahren, die er verdient.

Du bist seit Jahren sowohl bei „Positiv Handeln NRW“ als auch bundesweit in der HIV-Bewegung aktiv. Wurdest du dabei oft ausgebremst?
Ich hab meist gute Erfahrungen gemacht. Die Positivenselbshilfe und die Aidshilfe NRW haben sich immer als Partner verstanden. Auf Bundesebene ist das Verhältnis sehr viel konfliktbehafteter. Aber gerade wegen meiner guten Erfahrungen, werbe ich dafür, aus dem „Ihr da“ und „Wir da“ gemeinsame Ziele zu entwickeln. Ich bin mir auch meiner Doppelrolle durchaus bewusst. Als Hauptamtler bei der Aidshilfe NRW bin ich ja auch ein Professioneller. Aber das Straßen-HIVchen in mir meldet sich eben auch immer noch zu Wort. Darum geht es. Es soll nicht das eine gegen das andere ausgespielt werden, sondern sinnvolle Ergänzungen geben.

Interview und Foto: Christian Lütjens

Info: Stephan ist 46. Der Kölner lebt seit knapp 20 Jahren mit HIV, kam über die Auseinandersetzung mit der eigenen Infektion zum Aktivismus. Er arbeitet für die Aidshilfe NRW, und entwickelt bundesweite Projekte.