Ein Jahr lang hat Mischa Badasyan für ein Kunstprojekt jeden Tag mit einem anderen Mann geschlafen. Wir wollten wissen, was er dabei über sich selbst und HIV gelernt hat.

Jeden Tag ein anderer Mann, bei jedem Wetter und egal ob man will oder nicht. Warum macht man sowas?
Mir ging es darum, meine eigene Einsamkeit, aber auch die Einsamkeit, die mir so oft in der Szene begegnet, darzustellen. Wir leben doch in sehr einsamen Zeiten. Die Hälfte aller schwulen Männer in Berlin, wo ich lebe, sind Single. Und wissen, glaube ich, gar nicht mehr, wie man zwischen all dem relativ anonymen Sex sowas wie Zuneigung zu jemandem entwickelt. Berlin ist die einsamste Stadt Deutschlands. Viele Menschen kommunizieren nur noch virtuell, in Chats und so. In Cruising-Areas gilt ein generelles Sprechverbot. Und so lernst du halt niemanden kennen. Natürlich sind Dating-Apps für Leute, die auf dem Dorf wohnen, auch eine große Erleichterung. Aber in Städten wie Berlin verlernen Menschen wegen des Überangebots, was es heißt, in der Realität mit Menschen umzugehen und ehrliche, intime Kontakte zu haben. Und darum ging es mir: Ich habe nichts gegen spontanen Sex, im Gegenteil. Aber ich wollte rausfinden, warum Menschen dabei so unehrlich sind und sich gegenseitig diskriminieren. Also habe ich mir alle Dating-Apps auf mein Handy geladen, Grindr, Scruff, Gayroyal etc. und angefangen.

Und, wie ging es Dir damit im letzten Jahr? Hattest Du Spaß?
Spaß hatte ich sehr wenig. Ich hatte hauptsächlich das Gefühl mich zu mißbrauchen. Und andere zu benutzen. Der Orgasmus war nur noch Ausdruck meiner Einsamkeit. Ich habe bei Dates angefangen zu weinen, was mir noch nie passiert war, weil ich einfach abgestürzt bin. Dieses oberflächliche Gefühl von „Das ist nur für heute, morgen ist es weg“ macht dich fertig. Ich hatte zwischendurch auch immer mal wieder Momente, wo ich emotional am Ende war und eigentlich aufhören wollte. Die Einsamkeit und die Unmöglichkeit Nähe aufzubauen, das ist wie Gift. Das frisst dich an und macht dich kaputt.

Unser Gespräch findet einige Wochen nach dem Ende des Experiments statt. Bist Du schon fertig mit der Entgiftung?
Nein, das dauert noch. Ich lebe jetzt fast abstinent. Ich hatte zwar schon Dates, aber daraus ist noch nichts entstanden. Ich hatte auch schon Sex mit Menschen, die mich treffen wollten und die ich treffen wollte, aber die nicht Teil des Projektes sein wollten und mit denen ich mich deswegen erst danach treffen konnte. Aber das ging noch nicht. Mein Körper reagiert noch genauso, wie er das in „Save the Date“ über ein Jahr lang gelernt hat: Ich muss sofort zur Sache kommen, in drei Minuten mein Ding erledigen und nach Hause gehen. Der Sex ist auch eine Verrichtung, eine Pflicht geworden. Und meine jetzigen Partner waren von meinem Bedürfnis nach sofortiger Körperlichkeit schockiert. Ich habe es ein bisschen verlernt, offen und ohne feste Absichten auf Menschen zu und mit ihnen umzugehen.

Ist das traurig?
Kann ich Dir nicht sagen, ich bin da abgestumpft. Ich bin immer noch online und bekomme immer noch Nachrichten von Leuten, die mich sexy finden und Sex haben wollen. Aber ich kann darauf kaum noch reagieren, weil ich denke: Wenn Du nur das willst, geh weg. Dabei habe ich es selbst erlebt, dass sich das automatisiert und du den Leuten deswegen eigentlich keinen Vorwurf machen kannst.

Wieviele Männer hast Du in dem Jahr getroffen, die Du gerne wiedergesehen hättest?
So 40 vielleicht.

365 Männern sind viel. Was hast Du in der Zeit über Safer Sex gelernt. Hattest Du immer welchen?
Es war wichtig für mich, dass ich bis zum Ende des Projekts gesund bleibe. Und natürlich habe ich Verantwortung für andere Menschen. Dazu kam das Thema HIV. Ich hatte Angst mit HIV-Positiven zu schlafen. Die Hemmschwelle war groß.

Warum?
Gute Frage. Ich bin ja selber sowas wie ein HIV-Aktivist, habe schon bei der AIDS-Hilfe mitgearbeitet und hatte trotzdem immer diese Angst. Davor, dass man sich infiziert, dann schwach und stigmatisiert wird, seinen Platz in der Gesellschaft verliert. Obwohl ich viele sehr starke Positive kenne und weiß, das ist Quatsch. Das war rein psychologisch. Der erste HIV-Positive mit dem ich innerhalb von „Save the Date“ geschlafen habe, war der erste HIV-Positive mit dem ich überhaupt bewusst geschlafen habe. Und das hat alles verändert. Nach dem Treffen habe ich noch öfter mit Positiven geschlafen, um meine eigene Angst loszuwerden, um mich selbst aufzuklären und die Angst zu überwinden. Und schon nur für diese Erfahrung hat sich das Projekt gelohnt.

Du weißt das nach 365 Männern bestimmt: Wie fragt man jemanden höflich, ob er HIV positiv ist?
Die Frage danach hat sich bei mir im Laufe der Zeit verändert. Heute frage ich, ob jemand auf Therapie ist. Weil, dann ist es Safer Sex und es kann überhaupt nichts passieren.

Interview: Paul Schulz

Info: Der Performance-Künstler Mischa Badasyan hat für sein Projekt „Save the Date“ ein Jahr lang jeden Tag mit einem anderen Mann Sex gehabt. Er lebt in Berlin und hat sich, seit er 2008 aus Russland nach Deutschland kam, für HIV- und LGBTI-Organisationen engagiert.
www.mischabadasyan.com

Foto: Andrea Linns

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