Steigende Infektionszahlen versus sinkende Investitionen! Diesen Widerspruch kennen
Präventionsarbeiter weltweit. In New York erfuhr er seinen absurden Höhepunkt. Wie die Schließung einer Klinik für Sexuell übertragbare Krankheiten (STDs) zum Sinnbild politischen Leichtsinns wurde.

Wenn sich die schwulen New Yorker an den Wochenenden mit ihren Freunden zum Brunch in angesagten Restaurants in Chelsea oder Hells Kitchen trafen, sprachen sie vermutlich nie über ihre letzten Besuche in der Chelsea STD Clinic auf der 28. Straße, Ecke 9. Avenue. Dabei hatte die Klinik erst im Jahre 2014 stattliche 212.701 HIV-Tests durchgeführt. Etwa 82 Prozent der männlichen Patienten hatten nach eigenen Angaben Sex mit Männern gehabt. Auch in Zeiten von Obamacare, in der viele Hausärzte HIV-Tests anbieten, galt die Klinik in Chelsea als wichtige Anlaufstelle für alle, die anonym bleiben wollten oder keine Krankenversicherung hatten. Viele von ihnen kamen aus Harlem oder Brooklyn. Für sie war die Klinik ein Ort, wo sie kostenlos behandelt wurden, ohne dass jemand wissen wollte, wie sie ihr Geld verdienten oder ob sie eine Aufenthaltsgenehmigung für die USA hatten. Ein sicherer Ort also.

Als Bürgermeister Bill de Blasio die Chelsea STD Klinik vor einigen Monaten schließen ließ, sollte das still und leise und ohne große Vorankündigung geschehen

Als Bürgermeister Bill de Blasio die Chelsea STD Klinik vor einigen Monaten schließen ließ, sollte das still und leise und ohne große Vorankündigung geschehen. Patienten wurde kurzfristig mitgeteilt, dass die Klinik dringend renoviert werden müsse und ihnen in den kommenden zwei bis vier Jahren die Riverside Health Clinik auf der 100. Straße zur Verfügung stünde. Viele waren darüber empört. Denn es bedeutete, dass ausgerechnet jener New Yorker Stadtteil, der die größten Infektionsraten von HIV und Syphilis verzeichnet, keine lokalen „Pop-Up Shops“ oder andere Kliniken mehr hat. Zusätzlich hatte Stadtrat Andrew Cuomo das Budget für den Kampf gegen HIV drastisch gekürzt.
So kam es zu Protesten vor der Stadtverwaltung. Aktivisten wollten wissen, wie derartige Maßnahmen mit dem Ziel vereinbar seien, die Anzahl der HIV-Neuinfektionen innerhalb der kommenden 5 Jahre um 75 Prozent zu reduzieren und die AIDS-Epidemie bis zum Jahre 2020 endgültig zu beenden. Und ob eine Wiedereröffnung der Chelsea STD Clinic überhaupt ernsthaft in Betracht gezogen wurde. Antworten sind die Regierenden immer noch schuldig.

 

„Es ist kaum zu glauben, wie beliebt PrEP in der Szene geworden ist“, sagt er. „Sogar mein Arzt sagt, dass es irgendwann kein HIV mehr gäbe, wenn jeder von uns Truvada nehmen würde.“

In der Gay Community gehen die Meinungen über einen zeitgemäßen Umgang mit STDs derweil auseinander. Männer wie der 45-jährige Cody aus West Harlem sind unentschlossen, ob PrEP mit Truvada, die Studien zufolge bei täglicher Einnahme das Risiko einer HIV-Infektion um bis zu 90 Prozent senkt, die ultimative Lösung für das HIV Problem ist.
„Es ist kaum zu glauben, wie beliebt PrEP in der Szene geworden ist“, sagt er. „Sogar mein Arzt sagt, dass es irgendwann kein HIV mehr gäbe, wenn jeder von uns Truvada nehmen würde.“ Auch Cody selbst schwört auf Truvada und auf Sex ohne Gummi. Allerdings plagen ihn zwischendurch Zweifel: „Wer weiß schon wirklich, ob es Langzeitstudien gibt und ob diese Präparate tatsächlich vor HIV schützen. Vielleicht ist das alles auch nur Schwindel.“ Diese Zweifel teilt Cody mit anderen schwulen Männern, die die Zeit des großen AIDS-Sterbens noch miterlebt und dabei Freunde und Vertraute verloren haben. Für viele von ihnen ist Sex ohne Gummi bis heute undenkbar. Umso irritierter sind sie, wenn PrEP auf Datingportalen wie Adam4Adam oder Grindr als Freischein für ungeschützten Sex gefeiert wird.

Schon jetzt gibt es Erhebungen, die besagen, dass sich seit Schließung der Klinik rund 18 Prozent weniger New Yorker auf STDs testen ließen.

Am Ende wird bei genauerer Betrachtung der Debatte um PrEP und die Schließung der STD Klinik aber vor allem eines deutlich: HIV scheint längst nicht mehr das dringlichste Problem in der schwulen Szene zu sein. Vielmehr sind es die neue Unbekümmertheit und andere STDs, die uns zu denken geben sollten. Schon jetzt gibt es Erhebungen, die besagen, dass sich seit Schließung der Klinik rund 18 Prozent weniger New Yorker auf STDs testen ließen. Eine bedenkliche Entwicklung, wenn man die Infektionsfälle seit 2010 betrachtet: Bei Syphilis stieg die Anzahl um 33 Prozent, bei Gonorrhoe um 43 Prozent, bei Chlamydien um 17 Prozent.
Der 39-jährige Ronald aus Brooklyn spricht wütend das aus, was auch der Meinung vieler anderer Befragten in Chelsea und Hells Kitchen entspricht: „Es ist absurd, was zur Zeit passiert. Die Stadtverwaltung schließt Schulen und Kliniken, während schwule Männer PrEP wie ein HIV-Heilmittel behandeln und darüber weitere STDs vergessen. Es ist doch widersinnig, in einer Zeit, in der ungeschützter Sex wieder salonfähig wird, die Anzahl von Test- und Behandlungsstellen zu reduzieren. Das führt nur zu einer neuen Krise. Und die wird sich auf Dauer ebenso wenig auf die Schwulenszene beschränken wie es einst AIDS getan hat.“

Text: Derek Meyer, New York

Foto: Shutterstock.com/Have a nice day Photo

Mehr auf unserer FACEBOOK-Seite.