Über wenig wurde unter schwulen Männern in den letzten drei Jahren so viel gestritten, wie über eine kleine blaue Pille namens Truvada. Die wird als Präexpositionsprophylaxe, kurz PrEP, noch innerhalb dieses Jahres auch in Deutschland dafür sorgen, dass sich weniger Männer, die Sex mit Männern haben, mit HIV infizieren. Bisheriger Beziehungsstatus zwischen schwuler Community und PrEP: Es ist kompliziert. Das wird so bleiben. Mplus-Co-Chefredakteur Paul Schulz erklärt, warum das gut so ist.

Truvada ist kein neues Medikament. Der darin enthaltende Wirkstoff Tenofovir wird schon seit 2004 zusammen mit anderen Medikamenten in Kombinationstherapien dazu benutzt, das HI-Virus in Patienten daran zu hindern, sich zu vermehren. Truvada ist derzeit sogar das meistverschriebene HIV-Medikament in Europa. Hunderttausende Menschen in Frankreich, Deutschland, Schweden, Italien und zwei Dutzend anderen Ländern nehmen seit mehr als zehn Jahren jeden Tag Truvada als Teil
ihrer HIV-Therapie. Denn Truvada funktioniert gut und ist, verglichen mit Medikamenten, mit denen HIV bis dahin behandelt worden war, relativ nebenwirkungsarm und gut verträglich.

„Truvada-Hure“ schimpfen die einen, „Endlich wieder richtiger Sex, so wie früher“ jubeln die anderen.

In den USA wird Truvada seit 2012 erfolgreich als PrEP eingesetzt und ist dort Teil eines Regierungsprogrammes zur HIV-Prävention, das Präsident Obama fröhlich unterschrieben hat und für das er lange gestritten hatte. Was Truvada als PrEP auch ist: der größte Zankapfel, den es in der deutschen Community seit Jahren gegeben hat. „Truvada-Hure“ schimpfen die einen, „Endlich wieder richtiger Sex, so wie früher“ jubeln die anderen. Beides sind die, wie immer stumpfsinnigen, äußeren Enden einer Debatte, bei der es um einen noch nicht vollständig vollzogenen Paradigmenwechsel geht. Der lautet schlicht: Sex ohne Kondom kann Safer Sex sein. PrEP ist nur eine weitere Variante davon. Seit die EKAF-Studie 2008 klar benannte, dass HIV-Positive, die eine Kombinationstherapie nehmen und deren Viruslast unter der Nachweisgrenze liegt, nicht mehr infektiös sind, haben Negative wieder Sex mit Positiven, ohne dabei das Risiko einzugehen, sich mit HIV anzustecken. Jeder Positive auf Therapie schützt auch seine Sex-Partner vor dem Virus. Mit Truvada können nun auch Negative, die das wollen, selbst darüber entscheiden, ob sie zu ihrem Schutz und dem ihrer Partner ein Kondom benutzen oder lieber eine Pille. Dass es einige Jahre dauern wird, das in den Köpfen zu verankern und die Möglichkeiten klarzumachen, um die es hier geht, darf niemanden wundern.

Denn die Präventionsbotschaft der letzten 25 Jahre war viel, viel einfacher: Kondom drauf, und fertig.

Denn die Präventionsbotschaft der letzten 25 Jahre war viel, viel einfacher: Kondom drauf, und fertig. Wer zwölf oder jünger war, als das Virus 1984 auf der Bildfläche erschien, für den ist das ständige Miteinbeziehen von HIV in sexuelle Wünsche und Handlungen selbstverständlicher Teil seiner sexuellen Biografie. Der Griff zum Kondom ist, will man ficken, schlicht Teil des sexuellen Aktes. Diese in Deutschland so erfolgreich wie kaum irgendwo sonst vermittelte Haltung und der zum großen Teil angstfreie Umgang damit, ist der Hauptgrund dafür, dass die deutschen Infektionszahlen im internationalen Vergleich zu den niedrigsten weltweit gehören. Dass vielen in der Gruppe derer, die diesen Griff jetzt im dritten Jahrzehnt selbstverständlich praktizieren, die medikamentengestützte
„Rückkehr zur Normalität“ per Schutz durch Therapie und PrEP, so wenig natürlich vorkommt wie die Rückkehr zu einem sonnigen Allgemeinbefinden per Antidepressiva, darf da nicht verwundern.

Die Postulierung „natürlicher“ Sexualität ist nichts weiter, als das Moralaposteln einer gottlosen Gruppe mit einer bestimmten Vorliebe: der für kondomfreien Sex.

Hieße die Annahme, dass Sex mit Kondom ein Ausnahmezustand ist, von dem aus eine Rückkehr zur kondomfreien Normalität überhaupt möglich wäre, doch nichts weiter, als dass Millionen schwuler Männer in Deutschland seit 30 Jahren Sex eigentlich so haben, wie er nicht gemeint ist. Was selbstverständlich Schwachsinn ist. Die Postulierung „natürlicher“ Sexualität ist, 30 Jahre nachdem Michel Foucault selbige in hübsche, gut funktionierende Einzelteile zerlegt hat, aus denen sich jeder seine ganz eigene basteln darf, nichts weiter, als das Moralaposteln einer gottlosen Gruppe mit einer bestimmten Vorliebe: der für kondomfreien Sex. Auf die in einem ohnehin moralinsauren Klima die wahren Gotteskrieger genauso aggro reagieren, allerdings aus der anderen Richtung. Wer „Truvada-Schlampe“ sagt, meint: „Ich nehme an, deine Sexualität ist lustvoller und freier als meine. Da das ungezügelt ist, und Sexualität, besonders deine, nur in den enggesteckten Grenzen stattfinden darf, die ich vorgebe, verachte ich dich dafür, dass du anders vögelst als ich.“

Dass die Truvada-Diskussion dazu führt, dass wir diesen ganzen Mist als Community nochmal diskutieren, ist eine gute Sache.

Dass die Truvada-Diskussion dazu führt, dass wir diesen ganzen Mist als Community nochmal diskutieren, und uns dabei damit auseinandersetzen, was schwule Sexualität eigentlich ist, kann, soll und darf, ist eine gute Sache. Dass Truvada, denen, die lieber ohne ficken, dabei helfen kann, sich vor HIV zu schützen, ist auch eine. In unserer aktuellen Ausgabe finden sich Interviews, Erfahrungsberichte und eine Geschichtsstunde zum Thema. Viel Spaß beim Lesen.

Bild: Shutterstock.com/kiuikson

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