Der 37-jährige Florian liebt Sex  und mag Sexdrogen. Was viele Jahre lang wunderbar funktionierte. Bis Crystal Meth kam (Mplus-Archiv) und er sich nicht mehr unter Kontrolle hatte. Der Berliner ist Verlagsmitarbeiter bei der, wie er selber sagt, „besten Tageszeitung der Hauptstadt“. Seit mehreren Jahren ist er für die ICH WEISS WAS ICH TU‘-Kampagne der Deutschen AIDS-Hilfe als Rollenmodell für das Thema Drogen unterwegs. 

Wann hast du zum ersten Mal „harte“ Party- und/oder Sexdrogen konsumiert?
Ich war ein relativer Spätzünder, was das betrifft. Ich war, glaube ich, fast 30. Ich hatte mein Coming-out mit 18 und bin erzkatholisch erzogen und aufgewachsen. Es gab da wenig Möglichkeiten für Drogenkonsum. Es war auf einer Party, auf der es Speed gab. Ich war neugierig und es gab auch einen gewissen Gruppendruck, das endlich mal auszuprobieren.

War es schön?
Es war interessant. Ich konnte durchfeiern und war sehr wach, was schön war. Aber ich konnte, als ich dann endlich im Bett lag, auch nicht einschlafen, was nicht so toll war.

Wie lange hast du gebraucht, bis dein Konsum gesteuert, bewusst und so war, dass du ihn ganz genießen konntest?
Das ist ein laufender Prozess. Für viele Substanzen ist der abgeschlossen, aber als ich vor zwei Jahren zum ersten Mal mit Crystal Meth in Berührung kam, musste ich mir ganz viele Fragen noch einmal völlig neu stellen. Denn alle meine Ansätze zur Risikominimierung funktionierten bis dahin eigentlich gut. Ich konnte feiern, aber rechtzeitig aufhören, habe nichts gemischt, was man nicht mischen sollte, habe auf Dosierungen geachtet, immer eine Begleitperson dabei gehabt, die ein bisschen aufpasst, sowas. Aber all das funktionierte mit Crystal nicht mehr.

Warum?
Es war einfach ein Rauscherlebnis, wie ich es vorher noch nie hatte, und hat meine Sexualität in einem Maße neu bestimmt, wie ich es nicht kannte. Ich habe Crystal erst nur gesnifft, aber innerhalb eines Monats auch intravenös gespritzt. Obwohl ich bis dahin immer gesagt hatte, das Nadeln für mich das Allerschlimmste sind.

Warst du da schon abhängig?
Ja, heute würde ich das sagen. Ich hatte das nicht mehr unter Kontrolle. Ich habe bis letztes Jahr bei IWWIT immer mit dem Slogan geworben: „Die Dosis macht das Gift.“ Und diesen Slogan gibt es nicht mehr. Der Satz mit dem ich jetzt arbeite, heißt: „Ich möchte nicht abhängig werden.“ Das steht da, wegen meiner Erfahrung mit Crystal. Ich bin ein sehr verantwortlicher, erfahrener Konsument und habe bei Crystal trotzdem komplett versagt. Deswegen kann ich anderen Menschen nicht mit gutem Gewissen dazu raten, dass einfach mal auszuprobieren.

Wie sah dieses Versagen aus?
Die Abhängigkeit war eigentlich sofort da. Und damit auch der Kontrollverlust. Was nicht heißt, dass ich das sofort zugeben konnte. Ein ähnlicher Prozess läuft gerade in der gesamten Szene ab: Wir müssen uns eingestehen, dass Crystal eine Substanz ist, die dir in den Settings, in denen sie in der Szene eingesetzt wird, das Gefühl geben kann, den besten Sex deines Lebens zu haben. Wenn Sex sehr wichtig für dich ist, wie das bei vielen in der Szene ist, ist auch die Möglichkeit einer Abhängigkeit sehr groß. Viel größer und schneller als bei anderen Substanzen.

Wie schnell ist dir die Sache entglitten?
Ich habe innerhalb eines Jahres festgestellt, dass der angeblich kontrollierte Konsum, den ich mir bei Crystal eingeredet habe, nicht mehr funktioniert hat. Bei mir ging das mit einer großen körperlichen Erschöpfung einher. Die Slam-Partys gehen am Wochenende über mehrere Tage, auch mal von Freitag bis Montag. In der Zeit schläfst du nicht. Und dann gehst du wieder arbeiten. Crystalkonsum mit einem normalen Arbeitsalltag, deinen sozialen Verpflichtungen und deiner Beziehung und Familie überein zu bringen, ist extrem schwierig. Zumal du, weil deine Glückshormonreserven durch die Droge während dieser Partys komplett leergeräumt werden, danach auch in ein tiefes emotionales Loch fällst. Du konsumierst irgendwann einfach nicht mehr, um geilen Sex zu haben, sondern um überhaupt aus der Depression herauszukommen.

Wie lange hast du Crystal konsumiert?
Anderthalb Jahre. Zum letzten Mal vor vier oder fünf Monaten. Ich bin sowas wie ein trockener Alkoholiker und befinde mich in einem andauernden Prozess des Nichtkonsums.

Wie oft hattest du in den letzten fünf Monaten Sex ohne Crystal?
Wieder öfter. Ich bin in einer intakten Partnerschaft. Der Witz an Crystal ist: Das was dich daran am Anfang reizt, die Partys, der Sex mit vielen, bringt dich relativ schnell in eine Einsamkeit. Eigentlich geht es auf den Partys nur noch um Drogenkonsum, das Gefühl das du im Kopf hast, alle hängen über ihren Handys und es hat kaum jemand Sex. Mein Partner war bei all dem meine große Stütze. Ich wäre ohne ihn heute nicht, wo ich bin. Er war ein wahnsinnig entscheidendes Kriterium für den Ausstieg. Und hat viel durch. Ich hatte Wahnvorstellungen, hab Stimmen gehört und wir mussten die Polizei rufen. Crystal ist ein Prüfstein für jede Beziehung, denke ich.

Florians Blog findet man unter flosithiv.com